Walter Helfrich: 450 Jahre lateinisches Gymnasium in Speyer

1540 Ratsschule der Stadt Speyer - 1990 Staatliches Gymnasium am Kaiserdom

 

Der folgende Artikel entstand anlässlich der 450-Jahrfeier des GaK und wurde in der Festschrift des Gymnasium erstmals in ähnlicher Form veröffentlicht.

 

Die Anfänge

Die Gelehrtenschule der Stadt Speyer bis zur Auflösung durch die Franzosen

Auflösung und Wiederaufbau nach dem Kriege

Das Gymnasium seit 1950

Die Anfänge

Bezugsdatum für das 450jährige Jubiläum des Gymnasiums am Kaiserdom ist die Gründung der lateinischen Ratsschule der Stadt Speyer im Jahre 1540. Das Gymnasium gehört damit zu den ältesten im Lande.

Begreift man gar die Domschule und die Stiftsschulen mit ein, so gelangt man ins frühe Mittelalter als Gründungszeit der Domschule. Da das Bildungswesen in dieser Zeit ausschließlich eine Sache der Kirche war und der Schulunterricht in erster Linie der Ausbildung der Geistlichen diente, verwundert es nicht, daß die Anfänge der bis heute ungebrochenen Tradition Speyers als "Schulstadt" in der mittelalterlichen Bischofsstadt begründet sind.

Im hohen und späten Mittelalter kamen zur Domschule die Stiftsschulen St. German, St. Guido und Allerheiligen dazu, auch gab es Schulen an den Klöstern und Pfarrkirchen der Stadt. Diese geistlichen Lateinschulen des Mittelalters, die von Schülern aus nah und fern besucht wurden, dienten in erster Linie der Ausbildung des Priesternachwuchses. Der Schwerpunkt des Unterrichts lag in den Fächern Latein, Gesang und Instrumentalmusik, aber auch Mathematik, was für die Ausbildung von Architekten und Baumeistern von Bedeutung war. Vor allem im späten Mittelalter wurden die Schulen wohl auch von vielen Bürgerkindern besucht, die weltlichen Berufen zustrebten, was man aus einer Urkunde des Jahres 1470 schließen kann, die rühmend hervorhebt, daß die meisten Mitglieder des Speyerer Rats des Lateinischen mächtig seien, eine Tatsache, die auch dem Rat von heute alle Ehre machen würde.

Die Gelehrtenschule

Im Zuge ihrer wachsenden wirtschaftlichen Macht und politischen Unabhängigkeit strebten die Städte im Spätmittelalter (14./15. Jahrhundert) auch nach Eigenständigkeit im Bildungswesen, indem sie die Unterhaltung von Schulen übernahmen, schließlich die Aufsicht über bestimmte Schulen an sich zogen oder neue bürgerliche Schulen gründeten. In Speyer gab die Reformation den entscheidenden Anstoß zur Gründung einer selbständigen bürgerlichen Schule, wie es Luther gefordert hatte.

Schon 1525 faßte der Rat diesen Plan der Gründung einer Ratsschule (schola senatoria), der aber erst nach dem Übertritt der Stadt zum evangelischen Glauben (1538) im Jahre 1540 zur Ausführung kam. Als erster Schulmeister wurde Johannes Mylaeus aus Niederolm berufen, der als Rektor das Recht hatte, seine Mitarbeiter (collaboratores) auszusuchen und die erste Schulordnung aufzustellen. Die Ratsschule später auch im Unterschied zur "teutschen" Volksschule als des "ehrbaren Rats der Stadt Speyer lateinische Schule" bezeichnet (Schulordnung von 1594) war als Trivialschule konzipiert, in der in vier Klassen die Fächer Grammatik, Rhetorik und Dialektik, am Rande auch Religion und Musik gelehrt wurden. Diese Schule war im Dominikanerkloster untergebracht und mußte sich mit einem Unterrichtsraum für alle Klassen und Lehrer begnügen, was allerdings durchaus mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gepflogenheiten entsprach. Die Schule war anfangs nicht nur durch den bescheidenen äußeren Rahmen beeinträchtigt, sie war auch im Rahmen der politischen Auseinandersetzung um die Konfessionen in ihrer Existenz bedroht. So mußte Mylaeus beim Aufenthalt Kaiser Karls V. in Speyer 1541 die Stadt vorübergehend, zur Zeit des Augsburger Interims im Jahre 1548 für immer verlassen. Der Rat widersetzte sich jedoch der Aufforderung, die Schule aufzulösen, verlegte sie in die Bäckerzunftstube und stellte einen neuen Rektor an. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 brachte eine Beruhigung und eine Verbesserung der Verhältnisse an der Speyerer Ratsschule, wie die Schulordnung von 1594 zeigt. Jede Klasse hatte jetzt ihren eigenen, vom Rat ausgesuchten Praezeptor und wohl auch einen eigenen Raum, war doch die Schule nach einer Zwischenstation im Haus zum Groiffen (seit 1555) seit 1587 in einem geräumigen Gebäude des Retscherhofes untergebracht, wo sie bis zum Brand der Stadt 1689 blieb. Die vom Rat der Stadt immer sehr ernst genommene Aufgabe der Schulaufsicht sollte nach der Schulordnung von 1594 von den beiden Bürgermeistern und zwei Ratsherren wahrgenommen werden.

Auch ein kurzer Abriß der Geschichte des Speyerer Gymnasiums wäre unvollständig ohne die Erwähnung des bekannten Speyerer Chronisten Christoph Lehmann, der 1594-1599 Konrektor an der Ratsschule war, ehe er 1599-1628 das Amt des Ratsschreibers übernahm. In dieser Eigenschaft konnte er sich als Schulmann besonders für die Belange der Ratsschule einsetzen, und es ist wohl nicht zuletzt sein Verdienst, daß 1608 der Rat den Beschluß faßte, für die Lehrer im Retscherhof Wohnungen zu bauen, und 1609 das Schulgeld abschaffte. Man wollte damit verhindern, daß die Eltern ihre Kinder zur "Konkurrenz", in die schulgeldfreie Jesuitenschule, schickten.

An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, kurz auf das Weiterbestehen des katholischen Schulwesens neben der Ratsschule einzugehen. Die katholische Kirche hatte erkennen müssen, daß ihr die Anhänger des neuen Glaubens oft an Bildung überlegen waren. Deshalb gehörte die Sorge um das Bildungswesen zu einem wesentlichen Bestandteil der Gegenreformation. Auch in Speyer ergriff man Maßnahmen, um die altehrwürdige Domschule vor dem Untergang zu retten. In der Stuhlbrudergasse wurde eine Burse oder Alumnat eingerichtet (Stiftungsurkunde von 1561), in der arme Schüler kostenlos untergebracht und verpflegt wurden. Dadurch konnten verstärkt auswärtige Schüler für die Domschule gewonnen werden. Schließlich wurden auch Jesuiten nach Speyer geholt, die hier eine Niederlassung gründeten und am 5. Mai 1567 den Unterricht in der Domschule übernahmen. Latein, Griechisch und Theologie bildeten den Schwerpunkt des Unterrichts, daneben wurde auch das Jesuitendrama gepflegt. Die Jesuiten waren in Speyer alles andere als willkommen. Der Rat der Stadt betrieb intensiv ihre Vertreibung, die nur das Eingreifen Kaiser Maximilians 11. verhindern konnte. Auch bei der Unterbringung auswärtiger Schüler machte der Rat möglichst viel Schwierigkeiten, so daß die Zahl der Schüler an der Domschule 200 nie überschritt. Die Auflösung des Jesuitenordens 1773 brachte fast den Untergang der Domschule, da der Bischof die Schule nach Bruchsal verlegen wollte, doch verpflichtete das Domkapitel die Franziskaner für den Unterricht, der aber wenig später Weltgeistlichen und 1787 den Augustinern übergeben wurde, ehe im Zuge der Revolutionskriege und der Auflösung des Fürstbistums Speyer (zwischen 1797 und 1803) das Ende der Domschule für 1794 anzunehmen ist. Auch diese traditionsreiche Domschule gehört unbedingt als lateinische Schule zu den geschichtlichen Grundlagen des Gymnasiums am Kaiserdom, das ja seit dem 19. Jahrhundert das Gymnasium beider Konfessionen war und besondere Bedeutung für die Ausbildung des Priesternachwuchses der Diözese Speyer hatte.

Vom institutionellen Rahmen her besteht allerdings eine engere Verbindung des heutigen Gymnasiums zur Ratsschule der Stadt. Diese Schule wurde im Rahmen der oben erwähnten Fördermaßnahmen und eines allgemeinen Aufschwungs im Jahre 1612 in ein Gymnasium umgewandelt. Der Unterschied zur bisherigen lateinischen Schule bestand zunächst einmal in der Einteilung in fünf Klassen (Primani, Secundani, Tertiani, Quartani, Quintani), als neue Fächer kamen Hebräisch und am Rande Arithmetik und Physik hinzu. Neben dem eigentlichen Gymnasium wurde eine Abteilung der Publici eingerichtet, die als Vorkurs für die Universität diente und zu der nur die besten Schüler zugelassen wurden. Sie mußten sich hier mit Ethik, Dialektik, Geschichte, Theologie und Rhetorik (öffentliche Disputationen) beschäftigen.

Die Zerstörung Speyers 1689 brachte auch das Ende des Gymnasiums, doch infolge der regen Bemühungen des Rats um die Schulbildung kam es schon 1703 zur Neugründung der lateinischen Schule mit 12 Schülern und drei Lehrern in einem neuerbauten Flügel der ehemaligen kaiserlichen Kammer. Im Jahre 1713 wurde aus der Lateinschule wieder ein Gymnasium, als ein Rektor ernannt und eine neue Schulordnung herausgegeben wurde. Zu den üblichen Unterrichtsfächern kamen in dieser Zeit im Zuge aufklärerischer und neuhumanistischer Gedanken verstärkt Philosophie und Rhetorik, die Realienfächer Geschichte und Erdkunde sowie Deutsch und 'Mathematik (Ordentliche Lehrfächer seit 1769) hinzu, wobei die Schwerpunkte allerdings mit den Schulleitern wechselten.

Die Schulordnungen und andere Dokumente zur Schulgeschichte, die im Staats- und Stadtarchiv erhalten sind, enthalten jedoch nicht nur Aussagen über Schulorganisation und Lehrpläne, sie geben auch einen interessanten Einblick in den von Lehrern und Schülern, das sich unter der gestrengen das schulische Leben unter Aufsicht des Rates der Stadt Speyer vollzog.

Die Stadt Speyer nahm die Aufsicht über die Schule sehr ernst, wollte man doch sehen, ob "die vielen auf die Schulbedienten aufgewandten Gehälter, die der Stadtkasse schwer genug fielen, dem Gymnasium zum Nutzen gereichen möchten", wie es in einem Bericht von 1727 heißt. Diese Sorge führte nun zu einem Überwachungssystem, von dem man sich heute kaum noch einen Begriff machen kann. Rektor und Konrektor waren angewiesen, ständig den Unterricht ihrer Kollegen zu besuchen, vom Rat angestellte Visitatoren sollten ihrer Pflicht womöglich täglich nachkommen. Auch die Pfarrer der Stadt redeten ständig in die Belange der Schule hinein, zumal Schulunterricht und Kirche aufs engste verknüpft und die meisten Lehrer auch Theologen waren. Über allem wachte der Rat; besondere Zuständigkeit hatte der erste Bürgermeister als Protoscholarch, ferner der erste Ratskonsulent sowie zwei Mitglieder des geheimen Rats als Scholarchen. Die jährlich zweimal öffentlich abgehaltenen Prüfungen (Frühjahr und Herbst) dienten ebenfalls der Überwachung, doch schien dies dem Rat alles noch nicht zu genügen, denn zuweilen beorderte er das gesamte Lehrerkollegium vor sich, um die Lehrer einzeln einem peinlichen Verhör zu unterziehen. So konnte man einen gegen den anderen ausspielen, zumal die Herren Rektoren und Praezeptoren häufig ihr Heil darin suchten, durch Selbstlob und Beschuldigungen gegen die Kollegen dem Rat zu gefallen. So brachten die Visitationen und solche Verhöre allerhand Beschwerden über den Zustand der Schule zutage, angefangen von dem Vorwurf an einen Rektor, er sei während der Unterrichtszeit in der Stadt als Hochzeitslader aufgetreten bis zu der allzu häufig geäußerten Beschuldigung "Er trinkt".

Man sieht dieses z. T. wohl lediglich unterstellte, z. T. zutreffende Fehlverhalten der Lehrkräfte in einem anderen Licht, wenn man die wirtschaftlichen Verhältnisse der damaligen Lehrer in Speyer bedenkt, deren Besoldung sich auf seiten der Lehrer anders ausnahm als im Blickwinkel des Rats. Wenn auch die häufig unzutreffenden Klagen der Lehrer über ihre schlechte Besoldung allein kein Beweis dafür sind, so sind doch die Berichte über die Nebenbeschäftigungen der Lehrer ein Beleg dafür, daß die Bezahlung durch die Stadt kaum dazu ausreichte, eine Familie zu ernähren. So versuchten die Lehrer durch Erteilen von Privatstunden und Aufnahme von Kostschülern ihren Lebensunterhalt aufzubessern. Es mag unter den geneigten Lesern einige geben, die auch den heutigen Lehrern eine solche Situation wünschen, doch sei hier zu bedenken gegeben, welche weiteren Folgen dies in der Vergangenheit hatte: So wird berichtet, daß ein Rektor die Kinder reicher Eltern ein Jahr früher als üblich in die nächsthöhere Klasse aufnahm und, um dies zu vertuschen, die Geburtsdaten der "fetten Schafe" fälschte. In einem Empfehlungsschreiben heißt es gar: "Die Armut hat ihn gelehrt, sich in den Willen anderer zu fügen .

Was über die perfekte Überwachung der Lehrer am Speyerer Gymnasium gesagt wurde, gilt auch für die Schüler. Da das evangelische Ratsgymnasium inmitten eines katholischen Umlandes lag, betrug die Schülerzahl nie mehr als hundert, meist sogar nur rund 60. Dementsprechend waren die Klassen klein und die Überwachung des einzelnen in der Schule gut durchzuführen. Schwierig gestaltete sich dagegen wohl die Überwachung des Privatlebens, wenngleich es auch dafür gestrenge Anweisungen gab, wie z. B. in der Schulordnung von 1654. Sie beginnen mit den Anweisungen für das Aufstehen, das im Sommer vor fünf und im Winter vor sechs Uhr zu geschehen habe"mit hertzlichem seüfftzen und andächtigem gebett". Gelinde erscheint noch das Verbot, Speisen mit in den Unterricht zu nehmen, wenn man bedenkt, daß der Unterricht im Sommer von sieben bis zehn Uhr, im Winter von Viertel vor acht bis zehn Uhr dauerte und nach einer längeren Pause erst wieder von zwölf bis drei Uhr mittags stattfand. Die folgenden Anweisungen, die auch das Privatleben betreffen, sprechen für sich:

Demnach auch bißhero die Knaben mit großem ungestimb, gereusch, geschrey, und ohnzucht auß der Schul nicht anders alß die Säw, ohne Einige Ordnung hauffenweiß gelauffen, lange Ständtlein mit muthwilligem Geschwätz halten, so wollen Wir, daß Sie nuhnmehr ordentlich, still vnd züchtig zu hauß heimgehen. Wer darwieder befunden wirt, soll von dem heimblich bestellten Corycaeo aufgezeichnet, vnd wegen Seines Verbrechens mit der Straff angesehen werden. Ohngewöhnliche, Leichtferttige, schändtliche Kriegsmännische vnd dergleichen Kleidung sollen Vnnserse Schuler nicht tragen, sonderlich darumb, weil auch in der Kleidung zucht, tugendt vnd Erbarkeit verspühret vnd bey verstellung derselben leichtferttig sein vermercket wirt. Schändtliche Haarlocken, weiber zöpf, vnd wunderliche gekräußte Haar soll Ihnen nicht gestattet, desgleichen Dolchen, Schwerter, büchsen zuhaben vnd zutragen nicht zugelassen, vihlweniger in wührtshäußer, verdächtliche Ohrter, bey tag oder bey nacht nachzugehen erlaubt werden, Wer hierüber befunden wirt, soll mit ruhten, mit dem Kercker oder sonst härter Straff angesehen werden. Vff dem Marck, Kirchhoffen, in Zwingern, SPihlPlätze auffzurichten, Allda vmb gelt oder bücher zu SPihlen soll bey Straff verbotten sein, deßgleichen'zu Sommerszeihten in flüessenden wassern oder gefährlichen stehenden weyheren, zu baden, zu fischen, im Winter auff dem Eiß zu schleifen, mit schnee Sich zu werffen, weiles ganz gefährlich, mehr grober ohngezogener Leühte, dan züchtiger Schuler Exercitium ist, soll in allweg nicht gesehen noch gehört werden, Wer darwider handelt, hat neben der gefahr auch der Straff, woh Er betreuen wirt, zugewartten. So bestand für die Heranwachsenden in der damaligen Zeit kaum eine erlaubte Möglichkeit zu sportlicher oder spielerischer Betätigung. Nach landläufiger Auffassung hatten die Studierenden den ganzen Tag über den Büchern zu sitzen, allenfalls einen Spaziergang am Abend gestand man ihnen zu. Von heutigen Maßstäben aus urteilend kann man deshalb nur hoffen, daß sich die Schüler damals nicht an die Bestimmungen gehalten haben.

Andererseits warteten im wahrsten Sinne des Wortes "peinliche" Strafen auf gefaßte Übeitäter, wobei die Priigelstrafe in den Formen des "Überziehens" (Schläge auf den Rücken) und des "Pfödgen haltens" (Schläge auf die Hand) im Vordergrund stand. Es wird aber berichtet, daß Rektor und Konrektor das Prügeln gern den Praezeptoren, diese wiederum älteren Schülern überließen, da sich manche der Geprügelten oft sehr wild aufführten oder ihre Eltern auf den Plan riefen; einem Lehrer wurden wegen einer Ohrfeige die Fenster eingeworfen. Bis ins 18. Jahrhundert hielt sich auch die Geldstrafe, die bei den Lehrern sehr beliebt war, obwohl sich der Rat dagegen wandte, weil sie nur die Armen treffe. Die Berichte der Lehrer über ihren Unterricht aus dem Jahre 1741 enthalten einen Abschnitt, der aufschlußreiche Hinweise auf die Strafpraxis am Speyerer Ratsgyrnnasium gibt:

 

Extra Straffen.

1. Hat einer seiner Bücher eines entweder zu Hauß, oder in der Class vergeßen oder liegen lassen, muß er 112xr. davor erlegen. 2. Deßgleichen, wenn er nicht zum frühgebet kommt. 3. Bleibt er aber gar aus, so muß er entweder eine wichtig schriftl. Excusation von seinen Eltern bringen, (welche alle samle, und auf Befehl aufweisen kann, und dieses thue ich darum, weilen sich die Knaben immerdar auf ihre Mamma, als habe sie das liebe Söhngen zu Hauß bleiben heißen, beruffen :) oder er bekommt etl. Streiche auf den Rücken. Kommt es aber heraus, daß er neben die Schul gegangen, wird er übergezogen. Denn durch das Ausenbleiben entsteht eine Unordnung im lernen, da einer sich gemeiniglich, wenn er nichts gelernt hat, also zu entschuldigen sucht: Ich habe nicht gewußt, was wir aufgehabt: mithin zwey und mehrere Lectiones versäumt werden. 4. Das Plaudern und andere Insolenzien in Kirch und Schul wird mit 1 oder 2 empfindlichen Handstreichen abgestrafft. 5. Lästert einer den andem, bekommt er Streiche auf den Rücken. 6. Wenn einer in das Büchlein, worein er seine Wörter aus dem Colloquio schreibt, ein Argument macht, oder in dieses die Wörter schreibt, muß er ein Pfödgen halten. 7. Bringt einer seine Biebel, die Sprüche währender Predigt nachzuschlagen, nicht mit, so muß er Tags hernach 1 oder 2 Pfödgen halten. In diesem Punct habe ich erfahren, wie Eltern ihren Kindern, wieder meine gute Intention, welche diese ist, daß die ist, daß die Biebel denen Kindern durch vieles und geschwindes aufschlagen recht bekannt wird, anlernen, daß sie, um etwa eine Biebel zu schonen, die Sprüche aufschreiben, und, wenn er wie andere, einen in der Predigt angezogenen Spruch lesen soll, solchen alsdann erst in der Schul aufschlagen sollen. 8. Macht einer im elaboriren seines Exercitij Fehler, welche er auf Befragen selber zu corrigieren weiß, so bekommt er seinen Lohn auf den Rücken mit so viel Streichen, als er Fehler gemacht; die übrigen Fehler aber werden excusiret. Macht er aber mehr Fehler, als Wörter, wird er übergezogen. NB. Bey einer jeden Strafe gebrauch ich dieses Monitum: Ein andermal nimm dich in acht, und mach es besser.

Nach diesen Hinweisen auf das Schulleben im Ratsgymnasium zu Speyer, die vielleicht zur Lektüre von Reissingers Dokumentensammlung (Landesbibliothek) anregen, soll wieder die weitere Geschichte des Gymnasiums verfolgt werden. Dieses befand sich Ende des 18. Jahrhunderts in einer Phase des Aufschwungs, ehe die Revolutionskriege seit 1792 einen Rückgang der Schülerzahlen und den Niedergang des Gymnasiums brachten, dessen sich 1796 die protestantischen Geistlichen von Speyer annahmen, bevor die Franzosen als neue Herren der linksrheinischen Gebiete das Gymnasium 1804 in eine Ecole secondaire umwandelten. In sechs Klassen wurden hier zunächst 47 Schüler unterrichtet, Französisch stand an der Spitze der Fächer, hinzu kamen Latein, Deutsch, die Realienfächer. Moral und Naturreligion lösten den Religionsunterricht, einen Eckpfeiler der alten Gelehrtenschule, ab. Die Schule wurde zu einer Schule für alle Konfessionen, zumal die Domschule nicht mehr existierte. 1811 nannte sich die Schule College, 1816/17 wieder Gymnasium, noch ehe mit der Übernahme der Pfalz durch Bayern eine Neuregelung der Schulverhältnisse in der Pfalz erfolgte.

Die Erschütterungen der alten Ordnung um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, Revolutionskriege, Napoleonische Eroberungen und Ende des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation brachten auch das Ende der reichsfreien Stadt Speyer, doch wurde die Stadt wegen ihrer Tradition unter der bayerischen Regierung zur Provinzhauptstadt des Rheinkreises. So wurde Speyer nicht nur zum Mittelpunkt der beiden Kirchen, sondern auch im Schulwesen, um aufs Neue dem Ruf als "Schulstadt" gerecht zu werden.

Hier entstand nach dem Plan Butenschns, des ehemaligen Direktors der Mainzer Akademie, der als Schulrat die Neuordnung des Schulwesens im Rheinkreis leitete, die einzige vollständige Studienanstalt der Pfalz. Diese Einrichtung geht zurück auf die Kgl. Verordnung über die Einrichtung des Schulwesens und der höheren Lehranstalten des Rheinkreises vom 18. Oktober 1817. In Kaiserslautern, Landau und Frankenthal bestanden nur lateinische Vorbereitungsschulen mit Progymnasium, in Zweibrücken kam ein Gymnasium dazu, während in Speyer zusätzlich eine Lyzealklasse eingerichtet wurde, die zur Vorbereitung der Gymnasiasten auf die Universität diente, so daß sich die Organisation der Kgl. Studienanstalt Speyer 1817/18 wie folgt darstellt:

1.Lateinische Vorbereitungssehule mit Ober- und Unterklasse

2.Progymnasium mit Ober- und Unterklasse

3.Gymnasium mit Ober-, Mittel- und Unterklasse

4.Lyzealklasse

 

Diese Schulorganisation erfuhr im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrere Veränderungen:

1825 wurde das Progymnasium zum Gymnasium hinzugerechnet, dessen fünf Klassen die Bezeichnungen Prima, Secunda, Tertia, Quarta und Quinta trugen. Aus der Lyzealklasse entwickelte sich das Lyzeum, das 1839 eingerichtet wurde. Es bestand aus einem zweijährigen philosophischen Kurs, der als Vorstufe zur Universität anzusehen ist. Der Unterricht war wie auf der Universität in Sommer- und Wintersemester unterteilt; Vorlesungen fanden statt in Philosophie, Geschichte, Philologie, Archäologie, Naturgeschichte, Mathematik und Experimentalphysik. Das Lyzeum wurde in der Regel von etwa 30 bis 40 Schülern besucht. Es stand in enger personeller und organisatorischer Verbindung mit dem Gymnasium. Seit 1891/92 wurden die bisherigen Klassen der Lateinschule und des Gymnasiums als 1. bis 9. Gymnasialklasse durchgezählt, zugleich erhielt die Schule nach mehrfachem Namenswechsel im 19. Jahrhundert (vgl. Übersicht am Ende) jetzt die Bezeichnung "Kgl. Humanistisches Gymnasium".

Der Fächerkanon in Lateinschule und Gymnasium ähnelte im 19. Jahrhundert zwar der heutigen Fächerverteilung der Unterund Mittelstufe, doch waren die Gewichte etwas anders verteilt. Im Vordergrund standen die alten Sprachen, hinzu kamen Religionslehre, Deutsch, Französisch, Geschichte, Geographie, Mathematik, am Rande Physik, während Biologie, Chemie oder Englisch keine Rolle spielten. Als "besondere Unterrichtsgegenstände" galten Hebräisch, Zeichnen, Gesang, Kalligraphie und Turnen, das abends nach fünf Uhr durchgeführt wurde.

 

Zurück zu den Anfängen der Kgl. Studienanstalt 1817/18: Obwohl die Einrichtung der Schule bereits 1817 verfügt und auch neun Lehrkräfte ernannt worden waren, konnte erst am 4. Januar 1818 mit dem Unterricht begonnen werden, da erst jetzt das neue Schulgebäude, das sogenannte Fürstenhaus in der Kleinen Pfaffengasse, bezugsfertig war. Dieses Gebäude sollte die Schule bis 1902 beherbergen.

Die Vorrangstellung der Speyerer Studienanstalt im pfälzischen Bildungswesen zeigt sich besonders deutlich in der Person Georg Jägers, der die Schule von 1817 bis 1862 (!) leitete. So war er von Anfang an mit der Inspektion der Volksschulen im Bezirk Speyer beauftragt, wenig später wurde er Referent für Schulangelegenheiten bei der Provinzialregierung, 1840 wurde ihm praktisch die Aufsicht über das gesamte pfälzische Schulwesen übertragen, schließlich erhielt er 1850 sogar Sitz und Stimme bei der Kreisregierung. Besonders nahm er sich der Aufsicht über die Lateinschulen an, die er nicht delegierte sondern über das Sekretariat der Speyerer Studienanstalt abwickelte. Nicht immer waren die Schulen in der Pfalz mit geeigneten Lehrkräften besetzt, fiel es doch anfangs selbst in Speyer schwer, geeignete Lehrer mit akademischen Examina zu finden. So fiel ein hoher Prozentsatz der Lateinschüler, die zur Aufnahme für das Gymnasium nach Speyer kamen, durch, während dies bei Schülern der Speyerer Anstalt selten war. Die Regierung bemühte sich um eine Verschärfung der Prüfungen für angehende Lehrer. Dabei oblag den Professoren des Speyerer Gymnasiums die Pflicht, bestimmte Prüfungen durchzuführen, so bis 1854 die Prüfungen der Lehrer für die Lateinschulen und Progymnasien, ferner Sonderprüfungen für Lehrer in den neuen Sprachen (Französisch, z. T. Englisch), zeitweise die Prüfungen für Lehrer in Deutsch, Geschichte und Erdkunde an Gewerbe- und Privatschulen, bis 1912 schließlich die Prüfung weiblicher Lehrkräfte in den neuen Sprachen für Mädchenschulen und Privatunterricht. 1907 wurden ferner pädagogisch-didaktische Kurse für Lehramtskandidaten der Philosophie eingerichtet. All dies zeigt deutlich die Vorrangstellung der Speyerer Studienanstalt im Rahmen des pfälzischen Schulwesens in der Bayerischen Zeit. Braun schreibt dazu 6: el)Liegt für den zurückblickenden Leser eine Übertreibung in dem Satz: Wer bei dem Versuch, die geistige Höhe eines staatlichen Gebildes zu messen, den Stand der Schulbildung zu einem wichtigen Anhaltspunkt für sein Urteil macht, wird nicht bestreiten, daß Speyer im 19. Jahrhundert auch durch die Leistung seines Gymnasiums zur geistigen Hauptstadt der Pfalz geworden ist?"

Von den Lehrern, die in dieser Zeit am Speyerer Gymnasium unterrichteten, sind neben Jäger hervorzheben:

Friedrich Magnus Schwerd Anselm Feuerbach Caspar Zeuß, der als Begründer der Keltenforschung gilt Carl Halm, später Universitätsprofessor und Leiter der Staatsbibliothek in München Domkapitular Johannes von Geissel, seit 1835 Bischof von Speyer.

Nach Jäger wechselten die Direktoren häufiger, auch wurde die Bedeutung des Speyerer Gymnasiums etwas zurückgedrängt, als 1872 in Landau und Kaiserslautern, 1880 in Neustadt, 1899 in Ludwigshafen Gymnasien errichtet und damit der Aufsicht Speyers entzogen wurden. Schon 1854 war der Aufsichtsbezirk Speyers auf die Vorderpfalz und Kaiserslautern beschränkt und waren die übrigen Lateinschulen dem Gymnasium Zweibrücken unterstellt worden.

Die Gründung der neuen Gymnasien brachte auch ein Einpendeln der Schülerzahl in Speyer auf etwa 400, nachdem zuvor ausgehend von 137 im Jahr 1818 nach einigen Schwankungen 1885 ein Höchststand von 561 erreicht worden war. esondere Bedeutung für die Entwicklung der Schülerzahl hatte die Gründung des Bischöflichen Konvikts durch Bischof Geissel im Jahre 1839 mit 10 Schülern. Diese Anstalt konnte nach Erweiterungen unter Bischof Nikolaus von Weis Mitte des Jahrhunderts dem Gymnasium über 100 Schüler zuführen.

 

Das 20. Jahrhundert begann mit einem wichtigen Einschnitt in der Geschichte des Humanistischen Gymnasiums in Speyer, dem Umzug in das neue Gymnasialgebäude, der am 16. September 1902 erfolgte. Das neue Gebäude war unter Heranziehung von Plänen des Fürstenschlosses zu Brieg in Schlesien auf dem Gelände einer ehemaligen Kavalleriekaserne zwischen Großer Pfaffengasse und Steingasse seit 1901 erbaut worden. Ein Gesichtspunkt für die Auswahl dieses Standorts war die Nähe des in der Planung befindlichen Historischen Museums, dessen Benutzung zur Bereicherung des Unterrichts dienen sollte, ein Gesichtspunkt, der gerade heute von besonderer Aktualitäät ist, da Museumsleute und Lehrer versuchen, Museen verstärkt in den Unterricht einzubeziehen.

Es wird berichtet, daß um die Jahrhundertwende ein besonders gutes Klima an der Schule herrschte, daß fähige Lehrer unterrichteten, die jetzt auch gut besoldet waren, so daß Braun vom "Goldenen Zeitalter der Speyerer Gelehrtenschule" spricht.

Doch bald schon beendete der erste Weltkrieg diese Idylle. Das Gymnasium wurde schon 1914 als Reservelazarett genutzt, die Schule in das sogenannte alte Schulhaus hinter dem Versicherungsgebäude ausquartiert. Der Krieg forderte seine Opfer, nicht nur unter den Lehrern, sondern auch unter den Schülern, die z. T. aus der 8. Klasse geholt wurden und einen frühen Tod starben. Doch nach einer Phase der Konsolidierung auch des Schullebens am Speyerer Gymnasium im Rahmen demokratischer Freiheit kam noch Schlimmeres, für die Schule und vor allem für die Menschen, die darin lehrten und lernten.

Auflösung und Wiederaufbau nach dem Kriege

Der nationalsozialistische Terror erfaßte auch das traditionsreiche Speyerer Gymnasium. Schon 1934 wurden Abiturienten einer Gesinnungsprüfung unterworfen, der Schulleiter Burghofer wurde 1935 ins Gefängnis gesteckt und durch die Parteigenossen Strobl (1935-39) und Leiling (1939-45) ersetzt.

Schließlich brachte das Jahr 1937 die Auflösung des Gymnasiums, das in eine Oberschule umgewandelt wurde; die Gymnasialklassen liefen 1943 aus, als die Schüler der 6. Klasse als Luftwaffenhelfer einrückten. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, daß ausgerechnet 1940, zum 400 jährigen Jubiläum der Gründung der lateinischen Ratsschule, die Umbenennung der Anstalt in "Oberschule für Jungen (Gymnasium im Abbau)" erfolgte. Daß an ein Jubiläum nicht gedacht werden konnte, versteht sich aus den Zeitumständen, zumal Geschichtslosigkeit immer auf Kulturlosigkeit und Barbarei deutet. Eine Geschichte des humanistischen Gymnasiums in Speyer könnte deshalb eigentlich diese Zeit übergehen, doch seien gerade für alle, die diese Epoche nicht mitzuerleben das Glück hatten, einige Ereignisse aus der Schulchronik zitiert, die für sich sprechen:

11.09.1939 - 29.09.1939 Die meisten Räume der Anstalt sind als Notunterkunftfür die Bewohner des geräumten Grenzgebiets hergerichtet.

22.09.1939 - 23.11.1939 Bald sind die oberen, bald die unteren und die mittleren, bald alle Klassen mit der Bergung der Feldfrüchte beschäftigt.

04.11.1939 - 13.11.1939 Die Anstalt ist mit Truppen belegt.

12.01.1940 - 12.02.1940 Der Turnunterrichtfällt wegen Kohleknappheit aus.

16.07.l942 Die Kartoffelkäfersuche, die von nun an zu den sommerlichen Aufgaben der Schule gehört, beginnt.

05.09.1942 Die Klassen 4a, 4b, 5a, 5b sammeln unter Leitung von StR Kögler (bei der Wehrmacht Verwaltungsinspektor) Farnkraut für die Armee.

Noch klingen die Angaben recht harmlos bzw. erheiternd. Die Heiterkeit verfliegt spätestens beim Lesen der folgenden Angaben:

09.12.1940 Die letzten Schüler der 8. Klasse gehen zur Wehrmacht. Die Klasse ist damit aufgelöst.

12.01.1943 Die Schüler der Klasse 7, die zum Jahrgang 1924 gehören, rücken zur Wehrmacht ein.

15.02.1943 Die Jahrgänge 1926 und 1927 der Klassen 6a und 6b (die "letzten Gymnasiasten") und 6c (Oberschüler) werden als Luftwaffenhelfer eingezogen.

14.09.1944 Alle arbeitsfähigen Lehrkräfte und der Hausverwalter werden zum Schanzen in der Südpfalz verpflichtet.

01.11.1944 Eine Zusammenstellung ergibt, daß 143 ehemalige Schüler (darunter 81 Abiturienten) gefallen sind, 23 (darunter xx Abiturienten) vermißt werden.

 

Den Rest lese man im Gedenkbuch "Das Speyerer Gymnasium seinen Gefallenen beider Weltkriege". In einem anderen Licht erschien nun vielen der an deutschen Gymnasien nicht nur zur Zeit des Nationalsozialismus oft mißbrauchte Horaz-Vers "Dulce et decorum est pro patria mori".

Bald nach dem Zusammenbruch 1945 konnte der Unterricht wieder aufgenommen werden, diesmal wieder in einem Gymnasium, denn das Oberregierungspräsidium hatte am 31. August 1945 die Umwandlung der Oberschule in ein Gymnasium verfügt, eine Realabteilung war angegliedert. Das Schulgebäude war nicht zerstört worden; es wurde zunächst von den Franzosen als Lager für Kriegsgefangene und Deportierte benutzt, aber am 11. September 1945 für den Unterricht freigegeben. Jetzt wurden die Schüler mit Hilfe von Plakaten aufgefordert, sich zu melden. Viele ehemalige Schüler, die das Glück hatten, der Wehrmacht heil zu entkommen, waren noch Gymnasiasten, für die unteren Klassen nahm man auch Oberschüler als Gymnasiasten auf. Die Schülerzahl betrug schon bei der Wiederaufnahme des Unterrichts am 1. 10. 1945 zusammen mit der Realschule 713, davon waren 312 Gymnasiasten. Die Gesamtschülerzahl stieg auf den Höchststand von 918 im Jahre 1946, um dann wieder etwas abzusinken. 1945/46 standen 15 hauptamtliche, 5 nebenamtliche Lehrkräfte und 4 Referendarinnen zur Verfügung, die in gewaltig überfüllten Klassen Unterricht erteilten. Die geltenden Lehrpläne gingen auf eine Verfügung der französischen Militärregierung von 1945 zurück, das Abitur war als Zentralabitur organisiert. Zur mündlichen Prüfung kamen Schüler aus Ludwigshafen und Neustadt nach Speyer, während die Speyerer Schüler in Ludwigshafen geprüft wurden.

Über die äußeren Umstände, unter denen damals Unterricht stattfand, vermerkt der Bericht über die Schuljahre 1939-53 folgendes: "Die jüngeren Schüler wünschten nach der sechsmonatigen Unterbrechung sehnlich den Beginn des Unterrichtes. Gern unterzogen sie sich den beim Wiedereinräumen der Unterrichtssäle nötigen Mühen. Die heimgekehrten Kriegsteilnehmer aber [...] die man einst vorzeitig von den Schulbänken geholt hatte, fühlten sich nach den furchtbaren Erlebnissen an der zusammenbrechenden Front und in den Gefangenenlagern jetzt geborgen wie im Vaterhause. Sie arbeiteten ernst und eifrig, weil sie wußten, daß sie viel nachzuholen hatten. Ihre und aller Schüler Fortschritte wurden jedoch durch den kaum erträglichen Mangel an Lehrbüchern und Schreibpapier stark gehemmt. Wie die Masse des Volkes hatte auch die studierende Jugend noch jahrelang große Leiden auszustehen Die meisten Jungen und Mädchen litten bitteren Hunger, alle quälte in den unzureichend geheizten Unterrichtsräumen die Kälte. Besonderes Ungemach mußten die Auswärtigen erdulden. Manche kamen auf Rädern ohne Sattel, andere klapperten auf den unbereiften Felgen zur Schule. Eisenbahnzüge fuhren in so geringer Zahl, daß die Schüler aus der Südpfalz, die Nachmittagsunterricht hatten, morgens vor 6 Uhr das Elternhaus verließen und erst abends nach 8 Uhr dahin zurückkehrten. Auch die Kleidersorgen waren groß. Der aufmerksame Beobachter stellte aber mit Erstaunen fest, daß die Mütter mit großer Findigkeit und Geschicklichkeit aus alten Gewandstilcken und aus Webstoffen, die zu ganz andern Zwecken bestimmt waren, brauchbare wenn auch manchmal abenteuerlich aussehende Anziigefür ihre Söhne zurechtgeschneidert hatten. Ebenso erregte das Schuhwerk im Winter Verwunderung. Kaum ein Dutzend von 900 Schülern hatten unbrauchbare und ungepflegte Schuhe. In der warmen Jahreszeit war naturgemäß das Barfußgehen sehr üblich.

Die Moral war weit besser, als man hätte erwarten sollen. Zwar kam es öfter vor, daß ein Frühstücksbrot oder ein Füllfederhalter gestohlen, daß eine Glühbirne oder gar ein Lichtschalter abgeschraubt wurde; war das aber verwunderlich bei Jungen, die in ihren Verbänden gelernt hatten, statt Stehlen "Klauen" oder "Organisieren" zu sagen und so ihr Gewissen abzustumpfen? Auch die damals herrschende Not muß manches entschuldigen.

Auch das Brennholz mußten die Schüler selbst besorgen, z. T. selbst die Bäume fällen, zersägen, verladen und hacken, so daß die Chronik vermerkt: "Die Turnstunden sind großenteils Holzspaltestunden." Dennoch fiel der Unterricht häufig wegen Kälte aus, so daß 1946 keine Weihnachtszeugnisse ausgestellt werden konnten. Durch öffentliche Schulspeisungen (veranlaßt durch Spenden aus dem Ausland, v. a. aus Amerika) konnte die Hungersnot etwas gemildert werden. Zeichen der Besserung der Verhältnisse war es auch, als zu Weihnachten 1949 Chor und Orchester nach 10 Jahren zum ersten Mal wieder eine Weihnachtsmusik aufführten.

Die alte Sonderstellung des Gymnasiums lebte am 1. Oktober 1949 wieder auf, als das Bezirksseminar für das höhere Lehramt das Gymnasium als "Stammanstalt" zugewiesen bekam. StR Dr. Thiele wurde mit der Leitung betraut, 19 Referendare nahmen 1949 hier die Ausbildung auf. Trotz der Raumnot, die fortan die Geschichte des Gymnasiums begleitet, konnten dem Seminar ein Arbeitsund Bibliotheksraum sowie ein Dienstzimmer für den Leiter zur Verfügung gestellt werden.

Das Gymnasium seit 1950

Das Jahr 1950 brachte einige wesentliche Veränderungen für die Schule. Das Gymnasium mit Realabteilung wurde zum "Staatlichen Gymnasium" mit einer altsprachlichen und einer naturwissenschaftlichen Abteilung. Dafür hatten sich die Eltern in einer Versammlung am 25. März 1950 mit großer Mehrheit ausgesprochen, die Befürworter eines neusprachlichen Zweiges blieben in der Minderheit. Hatten bisher nur die altsprachlichen Schulen die Bezeichnung "Gymnasium" getragen, so galt der Begriff ab 1950 für alle höheren Schulen in Rheintand-Pfalz, also auch für Realgymnasien (Jetzt "neusprachliches Gymnasium" und Oberrealschulen jetzt "naturwissenschaftliches Gymnasium"). So mancher gestandene Humanist empfand das als Zurücksetzung seines "Gymnasiums", so daß die Neuregelung nicht überall auf Gegenliebe stieß. Allgemein begrüßt wurden.dagegen die ebenfalls zu Ostern 1950 in Kraft tretenden neuen "Lehrpläne für die höheren Schulen in Rheinland-Pfalz". Auch personell markiert das Jahr 1950 einen Einschnittt in der Schulgeschichte mit der Amtseinführung des neuen Schulleiters Markus Lehner. Erstmals fand auch die Reifeprüfung nicht mehr auswärts statt, wie überhaupt in der Folgezeit das Zentralabitur wieder abgeschafft wurde. Im September 1952 wurde die in den Kriegsjahren 1940 versäumte Jubiläumsfeier anläßlich des 400jährigen Bestehens der Schule nachgeholt.

Besonders gefördert wurde in der Zeit des Aufbaus eines demokratischen Staates in Deutschland in den 50er Jahren die staatsbürgerliche Erziehung. So erhielten die Schüler der oberen Klassen durch Richter des Speyerer Amtsgerichts Einführungen in Grundfragen des Rechts, wurden Fahrten nach Bonn ins Bundeshaus oder in den Mainzer Landtag organisiert, im Schuljahr 1952/53 wurde "Politische Gerneinschaftskunde" ordentliches Lehrfach. Zugleich versuchte man mit der Gründung der Schülermitverwaltung "zur Weiterentwicklung der demokratischen Schulführung und Vertiefung des Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrern und Schülern" beizutragen . Zunächst bestand die SMV 1952/53 in einem Schülerausschuß der Klassensprecher der Klassen 6 bis 8. Seit 1953/54 bildeten die Sprecher aller Klassen ein Schülerparlament, das einen Obmann und bestimmte Referenten wählte. Die erste Aufgabe der SMV bestand in der Organisation von Paketspenden für die Osthilfe, ferner wurden eine Büchervermittlungsstelle zum Tausch von Schulbüchern eingerichtet, eine Spielgruppe eingerichtet und Sportveranstaltungen organisiert. Schon damals meldeten sich auch kritische Stimmen, die meinten, daß die genannten Aufgaben den Zielen der SMV nicht gerecht würden und man sich nicht wundern dürfe, wenn die Schüler wenig Bereitschaft zur Mitarbeit zeigten. So heißt es im Jahresbericht der SMV von 1955/ 56: "Es bedarf tatsächlich konkreter und ständiger Aufgaben, die von den einzelnen Schülern oder auch von allen Schülern gemeinsam bewältigt werden. Man darf den Schülern nicht nur ausführende Funktionen zuweisen, sondern müßte ihnen Gelegenheit zu gestaltenden Funktionen geben". Solche Ansätze der Kritik führten jedoch in dieser Zeit kaum zum Aufbegehren oder zu Auseinandersetzungen. Das Schulleben der 50er Jahre verlief eher ruhig und beschaulich. Die in einem Schülerring vereinigten Schülervertreter Speyers gaben erstmals 1954 die Schülerzeitung "Der Domspatz" heraus und organisierten "Bälle der Schüler", von denen es heißt: "Beim Ball der Schüler im Wittelsbacher Hof bekunden Lehrer und Oberklassen aller Speyerer höheren Schulen ihr herzliches Einvernehmen". Hinzu kamen Tage der Hausmusik, Abschlußfeiern, Theateraufführungen. Im Jahresbericht 1956/57 wird das Klima an der Schule wie folgt beschrieben: "Das wohltuende, von menschlichem Verstehen getragene Vertrauensverhältnis, das sich im Laufe der Jahre zwischen den Trägern des Erziehungswerks Schulleitung, Lehrerschaft, Elternbeirat und Schülermitverwaltung herausgebildet hat, erwies auch heuer seine Bewährung und erfuhr weitere Festigung.

Wesentlich unruhiger verlief dagegen das folgende Jahrzehnt, fast symptomatisch für den sich anbahnenden Stimmungswandel der 60er Jahre erscheint ein Hinweis im Protokoll einer Lehrerkonferenz von 1960, wo die mangelnde"Grußdisziplin" der Schüler beklagt wird. Weiter heißt es in dem Protokoll: "Das ganze Kollegium wird gebeten, in Zukunft dringend auf die Grußdisziplin der Schüler zu achten und nichts durchgehen zu lassen." Dem heutigen Pädagogen, der zuweilen eine deutliche Steigerung seines Selbstwertgefühls erlebt, wenn er den tüchtigen Gruß eines Schülers erhascht, mutet ein solcher Satz wie ein Relikt aus grauer Vorzeit an. Weiter referiert ein Konferenzprotokoll: "Die disziplinären Verhältnisse an der Schule seien alarmierend. Das zeigen die Stinkbomben- und Kracheraffaire...".

Noch verliefen die Abschlußfeiern für die Abiturienten, das "Erntedankfest der Schule", wie es Oberstudiendirektor Keller (seit 1957 Schulleiter) formulierte, im traditionellen Rahmen, dankte der Schülersprecher für die "Begleitung durch die Werkstatt des Wissens", wie z.B. im Jahre 1963. 1965 beschloß Oberstudienrat Baumann seine Rede anläßlich der Abiturientenabschlußfeier mit den Worten: "Bleiben Sie kritisch! Sie sind Menschen des Zeitalters der Aufklärung, das noch nicht zu Ende ist." Es schien, als hätte eine ganze Generation von Schülern und Studenten diese Worte gehört, eine Generation, die mit dem Attribut "Satiritisch" in die Geschichte eingegangen ist. Auch das Altsprachliche Gymnasium in Speyer erlebte einen Hauch der Studentenbewegung der späten 60er Jahre. Im Januar 1968 machte das Verteilen eines Flugblatts, in dem gegen den Polizeieinsatz bei einer Bremer Demonstration protestiert und zur Bildung eines "Komitees zur Unterstützung der Bremer Schüler und Lehrlinge" aufgefordert wurde, einen solchen Wirbel, daß die Speyerer Presse ausführlich darüber berichtete. Die Angelegenheit entpuppte sich als recht harmlose Aktion eines 15jährigen, auf die Schulleiter Keller mit Gelassenheit reagierte. Ausdruck neuer Formen der geistigen Auseinandersetzung war es auch, als im März eine Prima zu einem Literatur-Happening in die Aula der Nikolaus-von-Weis-Schule einlud. Schließlich zeigte sich der neue Geist auch in der Abiturientenabschlußfeier 1968, die man der freien Gestaltung durch die Abiturienten überlassen hatte. "Statt üblicher Schülerrede Podiumsdiskussion", berichtete die "Rheinpfalz", hinzu kam die Aufführung eines Sprechstücks von Handke, als musikalische Antipoden tauchten noch Stücke von Bach und Tschaikowskij auf. Immerhin zeigt dies, daß die Schule und ihre Lehrer geistig beweglich genug waren, auch der jungen Generation im Rahmen ihrer Institution Ausdrucksmöglichkeiten zu geben. Im Schuljahr 1969/70 eskalierte die Auseinandersetzung mit den Schülern in einem erbitterten z. T. in der Presse ausgefochtenen Kampf um eine Raucherecke, für die Schüler Symbol der Unabhängigkeit von der Bevormundung durch die Lehrer, den die Schüler für sich entschieden, als im September 1970 ein solches Refugium eingerichtet wurde.

Viel bedeutender als solche Geplänkel vor Ort waren aber die z. T. tiefgreifenden Veränderungen, die im Gefolge des geistigen und politischen Umbruchs in Deutschland in den späten 60er Jahren das Bildungswesen in Deutschland und damit auch das Altsprachliche Gymnasium in Speyer betrafen. Schon seit 1945 waren Schulziele und Organisationsform des Gymnasiums in Deutschland in der Diskussion, zumal beim Neuaufbau des Bildungswesens an die Zeit vor 1933 angeknüpft wurde, obwohl sich die Pädagogik inzwischen international gewandelt hatte. Als Hauptpunkte der Kritik am Gymnasium lassen sich formulieren:

Es vermittle den Abiturienten nur in begrenztem Maße Studierfähigkeit, Ziele und Organisationsform würden kaum den Anforderungen eines demokratischen Schulwesens gerecht, förderten zu wenig Selbständigkeit und Kritikfähigkeit der Schüler, überhaupt würden die Inhalte des Unterrichts vor allem auch die alten Sprachen kaum den Erfordernissen der modernen Welt gerecht.

Eine Reform des Gymnasiums wurde immer stärker gefordert. Einen ersten praktischen Reformansatz brachte schließlich die Saarbrücker zur Ordnung des Unterrichts auf der Oberstufe des Gymnasiums" zwischen den Bundesländern aus dem Jahre 1960. Danach war es für die Schüler möglich, in der 12. und 13. Klasse in einem bestimmten Rahmen selbst Schwerpunkte zu setzen. In Rheinland-Pfalz bestand demnach die Möglichkeit, im Bereich der Naturwissenschaften und der musischen Fächer jeweils ein Fach auszuwählen. Diese Neuerung wurde z. T. heftig kritisiert, was auch aus den Konferenzprotokollen des Speyerer Gymnasiums hervorgeht: Man sah die Gefahr einer zu frühen Spezialisierung, wertete den Wegfall eines musischen Fachs als Verlust an humanistischer Bildung und nahm an, die Schüler seien nicht fähig, Schwerpunkte zu setzen und "gingen den Weg des geringsten Widerstandes"'. Man ermißt aus solchen Aussagen gegenüber den vergleichsweise geringen Veränderungen durch die Saarbrücker Rahmenvereinbarung, welchen wesentlichen Einschnitt es bedeutete, als im Schuljahr 1973/74 die Mainzer Studienstufe eingeführt wurde. Ein Zurückdrängen der alten Sprachen ergab sich aus der Neuregelung der Sprachenfolge seit dem Schuljahr 1964/65. Jetzt wurde Englisch als zweite Fremdsprache ab der 7. Klasse gelehrt, ab der 8. Klasse (seit 1968/69 ab der 9. Klasse) konnte zwischen Griechisch und Französisch als dritter Fremdsprache gewählt werden.

 

Wichtige Einschnitte in der Geschichte der Schule brachten auch die Jahre 1966/67:

Am 1. April 1966 erfolgte die Trennung der beiden Zweige des Gymnasiums in ein Altsprachliches und ein Naturwissenschaftliches Gymnasium, die beide zunächst noch unter einem Dach vereint waren, ehe im Herbst 1967 das Naturwissenschaftliche Gymnasium in den Neubau des Speyerer Doppelgymnasiums umziehen konnte. In den Jahren 1966/67 erfolgte zudem in Rheinland-Pfalz eine schulorganisatorische Neuerung. Nach zwei Kurzschuljahren begann am 1. August 1967 das Schuljahr erstmals nach den Sommerferien.

Inzwischen hatte sich die Kritik am bestehenden Bildungswesen im Zuge der geistigen und politischen Veränderungen der ausgehenden 60er Jahre verschärft. Erziehung der Schüler zu Emanzipation und Kritikfähigkeit tauchten als Leitziele der Schule auf, durch größere "Chancengleichheit" sollten mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten einer höheren Schulbildung zugeführt werden. Viele priesen die Gesamtschule als pädagogisches Allheilmittel. In diesem Zusammenhang ist die Einrichtung der Eingangs- oder Orientierungsstufe zu sehen, die in Rheinland-Pfalz mit Beginn des Schuljahres 1967/68 eingerichtet wurde. Danach gelten die Klassen 5 und 6 als pädagogische Einheit und heben sich durch besondere Regelungen (keine Versetzung zwischen 5 und 6, Konferenzen, Elternberatung, Ergänzungsunterricht) von den anderen Klassenstufen ab. Diese Stufe soll in besonderem Maße der Beobachtung und Förderung der Schüler dienen, mit dem Ziel, das Kind der ihm gemäßen Schullaufbahn zuzuführen.

Es wurde oben schon deutlich, daß im Zuge der verschärften Diskussion um das Bildungswesen vor allem auch das humanistische Gymnasium ins Schußfeld der Kritik geraten war. Dies zeigt sich deutlich an der Entwicklung der Schülerzahlen am Altsprachlichen Gymnasium Speyer. 1950/51 besuchten 671 Schüler das Gymnasium mit altsprachlicher und naturwissenschaftlicher Abteilung, davon waren 341 Altsprachler. Die Zahl schwankte in den 50er Jahren entsprechend der Geburtenstärke der Jahrgänge. Ein deutlicher Anstieg erfolgte seit 1958/59 (753 Schüler) und setzte sich in den 60er Jahren fort. Die Schülerzahl betrug im Jahr der Trennung vom Naturwissenschaftlichen Gymnasium 1966/61, um dann im Schuljahr 1967/68 einen vorläufigen Höchststand von 485 zu erreichen. Von da an sank die Schülerzahl im Zuge der Veränderung der Stimmungslage, die sich gegen das Altsprachliche Gymnasium wandte, bis im Schuljahr 1971/72 ein Tiefstand von 421 Schülern erreicht war. Während an den anderen Gymnasien in Speyer die Schülerzahlen stiegen, ging am Altsprachlichen die Zahl der Neuanmeldungen zurück.

Mit dieser Hypothek belastet ging die Schule in die 70er Jahre, die zunächst eine Reihe von Veränderungen brachten. So erhielt die Schule am ersten März 1972 den neuen Namen"Staatliches Gymnasium am Kaiserdom Speyer". Im gleichen Jahr vollzog sich ein Wechsel in der Schulleitung. Für den in den Ruhestand tretenden Josef Keller wurde Artur Schütt aus der Mainzer Staatskanzlei als Leiter der Schule berufen, der damit angesichts der skizzierten Tendenzen kein leichtes Amt übernahm. Viele altsprachliche Gymnasien gingen in dieser Zeit dazu über, auch Englisch als erste Fremdsprache anzubieten, um die Existenz der Schule zu sichern. Auch in Speyer wurden solche Möglichkeiten erwogen, hinzu kam die Überlegung, Musik als Schwerpunktfach zu profilieren und das Gymnasium als Einrichtung der musischen Erziehung mit einem angeschlossenen Internat zu gestalten. Schließlich wurde in Speyer im Sinne der humanistischen Bildungstradition daran festgehalten, nur mit Latein als erster Fremdsprache zu beginnen. Lediglich sieben weitere Gymnasien im Lande haben diese Form des Gymnasiums bewahrt.

 

Einen tiefgreifenden Einschnitt in der Schulgeschichte brachte das Jahr 1973/ 74, als am Gymnasium am Kaiserdom zum ersten Mal an einem altsprachlichen Gymnasium die Mainzer Studienstufe eingeführt wurde. Die MSS brachte eine gänzliche Umgestaltung der gymnasialen Oberstufe, und man kann wohl sagen, daß das Gymnasium dadurch ein neues Gesicht erhielt. Dies gilt besonders für das humanistische Gymnasium, denn mit der von den Schülern häufig benutzten Möglichkeit, Latein und Griechisch in der MSS "abzuwählen", fallen die beiden Eckpfeiler der humanistischen Bildung für die überwiegende Mehrheit der Schüler weg. Bedenkt man weiter die oben erwähnten kritischen Äußerungen zur Saarbrücker Rahmenvereinbarung, so ermißt man die Tiefe des Einschnitts und versteht zugleich, daß die MSS bis heute stark umstritten ist. Von den damaligen Schülern wurde die MSS sehr begrüßt: bisher ungeahnte Möglichkeiten, den eigenen Neigungen und Abneigungen in der Fächerwahl zu folgen, wurden als Befreiung von unliebsamen Zwängen empfunden. Die Vertreter der bisherigen Nebenfächer freuten sich zudem über die Möglichkeit, ihr Fach als Leistungsfach zu profilieren. Dagegen wurden vor allem folgende Kritikpunkte an der MSS angeführt:

Zu frühe Spezialisierung Verlust der allgemeinen Hochschulreife Zu geringe Grundbildung Überforderung der Eigenverantwortlichkeit der Schüler

Diese Kritik führte bis heute zu verschiedenen organisatorischen Veränderungen der MSS, die der Sicherung einer breiteren Allgemeinbildung und der allgemeinen Studierfähigkeit dienen sollen. Das gleiche Ziel verfolgte die Überarbeitung der Lehrplanentwürfe, die mit der Einführung verbindlicher Lehrpläne seit Anfang der 80er Jahre abgeschlossen wurde.

1974 brachte ein neues Schulgesetz eine Neuregelung der Trägerschaft der Schulen, die nun gänzlich auf die Kommunen überging. Für das Gymnasium am Kaiserdom heißt das, daß die Stadt Speyer für bauliche Maßnahmen, die Ausstattung der Schule und für die Anstellung und Besoldung des Hausmeisters, der Verwaltungsangestellten und Reinigungskräfte verantwortlich ist. Erinnerungen an die Zeiten der Ratsschule werden wach.

 

Mit neuen, aber auch mit an alte schulische Traditionen anknüpfenden Aktivitäten, die über den Rahmen des "normalen" Unterrichts hinausgehen, wurde in den letzten 20 Jahren verstärkt versucht, neue pädagogische und didaktische Schwerpunkte zu setzen und zugleich werbewirksam an die Öffentlichkeit zu treten, um den Rückgang der Schülerzahlen aufzufangen. An erster Stelle stehen dabei musische, vor allem musikalische Aktivitäten. Schulchor, Orchester, Blasorchester und Orff-Kreis sind zu festen Einrichtungen der Schule geworden, die regelmäßig mit einzelnen Auftritten und Konzerten an die Öffentlichkeit treten. Höhepunkte waren dabei wohl das Konzert des Schulchors im Bonner Münster 1986, das im Zusammenhang mit einer Ausstellung gegeben wurde, mit der sich das Gymnasium am Kaiserdom in der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz dem Bonner Publikum vorstellte, ferner der Auftritt des Blasorchesters beim Besuch von Papst Johannes Paul II. 1987 in Speyer.

Einen weiteren Schwerpunkt in bester gymnasialer Tradition bilden die sportlichen Arbeitsgemeinschaften, meist verbunden mit der Teilnahme am Wettbewerb "Jugend trainiert für Olympia". Hier sind vor allem die Disziplinen Fußball, Volleyball, Basketball, insbesondere aber Schwimmen und Rudern (Teilnahme an den Endausscheidungen in Berlin mit zum Teil sehr guten Plazierungen) zu nennen.

Wiederholt konnten verschiedene Arbeitsgemeinschaften gelungene Theateraufführungen präsentieren, eine Film- und Foto-AG bietet interessante Angebote für die Schüler. Besonderer Erwähnung würdig sind auch die seit 1972 durchgeführten Aktionen zugunsten körperbehinderter Kinder: Schüler traten mit verschiedenen Aktivitäten an die Öffentlichkeit, um über die Situation der Körperbehinderten zu informieren und Geld zu sammeln.

Es wurde ferner versucht, in fächerübergreifenden Projekten (Thema: "Ehrgeiz als Grundtrieb menschlichen Handelns", "Das Bild von Kosmos in der Geschichte und heute") das Nebeneinander der Fächer, das sich besonders im komplizierten Kurssystem der MSS zeigt, aufzubrechen und die Spezialisierung des Wissens zu überwinden. Ausgehend von Texten aus der Antike wurden Grundfragen menschlichen Seins angesprochen und somit versucht, bewährte humanistische Bildungsziele in den gewandelten Verhältnissen fruchtbar zu machen.

Die jährlich stattfindenden Schulfeste und "Tage der offenen Tür", seit kurzem ein "Tag der Musik und Kunst" runden die besonderen Veranstaltungen der Schule ab und dienen auch dazu, das Schulleben der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Erfolge dieser Bemühungen zeigen sich in der Entwicklung der Schülerzahlen, die in den 70er Jahren wieder kontinuierlich anstiegen, um einen Höchststand von 770 Schülern im Jahre 1978/79 zu erreichen. Dann machte sich auch am Gymnasium am Kaiserdom der allgemeine Geburtenrückgang bemerkbar; sinkende Schülerzahlen begleiteten nicht nur am Gymnasium am Kaiserdom die Schulgeschichte der 80er Jahre. Interessant ist die Entwicklung des Zahlenverhältnisses von Jungen und Mädchen. Traditionell war das Altsprachliche Gymnasiurn eine Dornäne des männlichen Geschlechts, was sich noch im Verhältnis von 424 zu 34 im Schuljahr 1969/70 zeigt. Von da an stieg die Zahl der Mädchen jedoch ständig an, so daß sich im Schuljahr 1988/89 mit 278 Jungen und 246 Mädchen fast ein Gleichstand ergab.

Im Jahre 1987 löste Peter Polaschek als Schulleiter Artur Schütt ab, der in den Ruhestand trat.

In baulicher Hinsicht hat das alte Gymnasialgebäude seit dem Krieg sein Gesicht verändert, mußte doch die Schule entsprechend den Erfordernissen des modernen Unterrichts und steigender Schülerzahlen modernisiert und erweitert werden.

Bedenkt man, daß die Schule in der Nachkriegszeit z. T. über 900 Schüler und zur Zeit des Gymnasiums mit altsprachlicher und naturwissenschaftlicher Abteilung rund 700 Schüler, dazu das Bezirksseminar beherbergte, so versteht man, daß ständig Maßnahmen zur Überwindung räumlicher Engpässe nötig waren, war doch das Schulgebääude lediglich für etwa 450 Schüler konzipiert. So mußten von 1947 bis 1951 zwei Klassen im Bischöflichen Konvikt unterrichtet werden, danach mußten vier Klassen Nachmittagsunterricht in Kauf nehmen. 1953 wurde dann das Dachgeschoß zum Teil ausgebaut und ein Zeichen- und Musiksaal eingerichtet. 1955 konnten neue Chemieräume, die in der ehemaligen Direktorenwohnung eingerichtet wurden, der Bestimmung übergeben werden. Gerade nach dem Umzug des Naturwissenschaftlichen Gymnasiums in den Neubau des Speyerer Doppelgymnasiums mußte man am Altsprachlichen Gymnasium besonders den Mangel an moderner Einrichtung in dem alten Gebäude empfinden. Der EIternbeirat startete eine Initiative, in der auf die Notwendigkeit der Modernisierung hingewiesen wurde, die Presse berichtete am 25. November 1967 ausführlich über die Zustände an der Schule. "Mangelhaft, unhaltbar, unverständlich" lautete die Schlagzeile der "Rheinpfalz". Kritisiert wurden: Der bauliche Zustand, die mangelhafte Ausstattung mit Lehr- und Lernmitteln, unzureichende oder fehlende Sonderräume (Physik, Chemie, Biologie). Diese Aktion hatte den Erfolg, daß Stadt und Land Gelder zur Modernisierung und für einen Anbau zur Verfügung stellten. Ministerium für Unterricht und Kultus und Stadtverwaltung setzten sich für einen Anbau an der nördlichen Längsfront ein, wie er dann auch verwirklicht wurde. Dies bedeutet aber einen schwerwiegenden Eingriff in die architektonische Struktur der alten Anlage, die noch heute von vielen bedauert wird. Schulleitung und Lehrer waren auch überwiegend gegen diese Konzeption, wie sich aus einem Konferenzprotokoll aus dem Jahre 1968 ergibt: "Ein solcher Anbau ist bautechnisch durchaus möglich, von ästhetischen Gesichtspunkten aus betrachtet aber unzumutbar." Am 22. September 1971 konnte das neue Gebäude mit den Sonderräumen eingeweiht werden, zugleich waren weitere Modernisierungsmaßnahmen (Werkraum, Umkleideräume und Toiletten bei der Turnhalle) abgeschlossen worden. Die steigende Schülerzahl in den 70er Jahren machte weitere Ausbaumaßnahmen nötig. Durch den weiteren Ausbau des Dachgeschosses konnten weitere Räume gewonnen werden, die im Schuljahr 1978/79 bezogen werden konnten.

Ein besonderes Problem stellte die Turnhalle dar, die den Erfordernissen des Sportunterrichts nicht mehr gerecht wurde, so daß bis zu 30 Sportstunden in der weit entfernten Osthalle abgehalten werden mußten. Nachdem bereits 1978 erste Gespräche über die Notwendigkeit eines Neubaus in unmittelbarer Nähe der Schule geführt worden waren, dauerte es dann bis zum Juni 1987, ehe mit dem Bau einer zum Teil unterirdischen Halle begonnen werden konnte. Diese neue Turnhalle entstand für rund 4,5 Millionen DM im Zusammenhang mit dem Erweiterungsausbau des Historischen Museums der Pfalz. Die Einweihung erfolgte im Februar 1989 im Beisein von Kultusminister Dr. Gölter. Weitere 1,75 Millionen DM wurden zuletzt in die Generalsanierung des alten Schulgebäudes investiert, das trotz aller Veränderungen einen würdigen Rahmen für das traditionsreiche Gymnasium im Schatten des Kaiserdoms abgibt.